Das Debakel auf der „Cibata“

von Maurice Nieszery

 

Ja - das wollten sie, die Disponenten, die angeblich von Gott begnadeten Segler, die Herren Ostfriesen. Ihren Lebensabend in wärmeren Arealen verbringen.

Wir sollten die Yacht von ihrem Regierungssitz von „2950 Leer“ nach Südfrankreich überführen, durch die Strasse von Gibraltar in den Hafen von Port Crimout, der ein ehemaliges Schnakenloch neben St. Tropez war, das sie für Zahlungskräftige in ein Ferienparadies umgestaltet haben.

In dem Hafen war die Anlegestelle samt Wohnhaus aus einem Guss, wovon sie greifbar träumten. Dahin sollten wir die Jacht schippern, die Hans gehörte, der auch  der Eigner war, der seine Brötchen als Zahnarzt verdiente, sich als ostpreußischer Fremdling nationalisierte und die kompletten Interessenskämpfe in Ostfriesland dirigierte. Aber den Segeltörn hatte er nicht vorbereitet. Er hatte uns alle zum Labskaus-Gelage in sein Domizil in Leer geladen, wo er aufmunterte und sagte, dass die Cibata exzellent versichert wäre, wir könnten sie ruhig auf Grund legen. Nur stellte sich später heraus, dass es nicht stimmte. Der Kapitän war Wolfgang, so hatte er auch das unikale Sagen bei der Crew, als auch auf dem Boot.

Wir waren fünf Männer und eine Ehegenossin, mit Namen Sabine, sie kam aus Lübeck und hatte selbst ein kleines Schiff. Sie war aber von der Erscheinungs-Lithografie mehr Kater als Katze. (Wenn man sie so charakterisieren wollte.)

Was sich später herausstellte, es nicht gut ist, sagen die Ostfriesen „als altes Seglervolk?“ - oder nur Fischer? Mit festem Aberglauben, sofern  Frauen  auf dem  Boot  sind. Was auch hier der Fall war - Resultat, eine Scheidung und ein Segelunfall mit allen was dazu gehört. Der Eigner, der Hans, meinte hinterher, es kann nicht jeder von so einer Episode erzählen. Ich hatte mit ihm noch eine Flasche Whisky Black Label in der vorigen Nacht getrunken, bevor wir ausgelaufen sind. Wir waren nur zu zweit, waren aber nicht angetrunken. (Was dem Hans sein Prinzip war, wenn schon Alkohol dann nur ausgezeichnete Ware.)

Die Jacht hatte den Namen „Cibata“, was auf Deutsch „Lahme Ente“ heißt, und aus der Südsee stammen solle. Es war ein Oldtimer unter den Jachten. Es war eine Ketsch vom Boots-Typ, so circa 16 Meter lang. Ganz in Mahagoni-Holz, mit Liebe zum Detail. Sie war für Segler eine Augenweide, die dem damaligen Kapitän, dem Wolfgang, zur Pflege anvertraut wurde, was er in seiner Freizeit machte. Wenn er nicht am Schiff bastelte, hatte er den Auftrag von einer holländischen Firma Hühnerfarmen in Afrika einzurichten, mit einem von der Firma gestellten Betrag. Was er dann herauswirtschaftete, war sein Verdienst. Ich glaubte, er konnte gut damit leben. Er hatte zwei Kinder und eine gut ansehnliche, aufrechte  Frau,  die was darstellte. Wenn er neben ihr stand, sah  er wie ein Schuljunge aus. Wo auch immer  er sich dann an der Mitseglerin verging, die ein peinlicher Betrug zum Vergleich seiner Frau war. Aber wie man so schön sagt: wo die Liebe hinfällt. Vielleicht war es die Segel-   Leidenschaft,  die in ihnen steckte, die sie verbunden hatte. Der Helmut, ein damaliger Bekannter, der mir die Mitfahrt  beschaffte, war ein guter Geschätzter der Familie. Von  der Tätigkeit her  war er bei der BBC in Mannheim als Techniker. Er hatte mir schon vor längerer Zeit auf seiner Jolle die Grundkenntnisse beigebracht, den Geschmack zum Segeln gepredigt, an den Wochenenden am Bodensee, wo wir uns dann später  schon mal eine Jacht mieteten. Der Helmut hatte von seiner Arbeit noch vier Kollegen mitgebracht, die auch vom Segeln begeistert waren. Bei sechs Seglern war auch die Gelderhebung tragbarer. Wir hatten so immer ein paar schöne Zeitabschnitte, ohne Familie und Ehefrauen. Der Bodensee war ein ideales Segelrevier zum Lernen, wenn man  Hochseesegeln will, was ich damals noch nicht ahnte. An sich waren  es immer Kaffeefahrten, die wir an den Wochenenden gestalteten. Aber man bekam Routine, für mich war es immer eine Erfahrung wert. Es ist ja alles Neuland  für eine Landratte,  was schon mit der ganzen Benennung auf dem Schiff los  geht, was eine eigene Verständigung hervorbringt. Der Eimer ist die „Pütz“, die Kaffeetasse   die „Mug“  und so weiter, die meisten Wörter aus dem Niederdeutschen, wie auch vom Englischen übernommen wurden. Man muss ständig  mit den  Knoten üben, wenn es dann einmal darauf ankommt, wie es bei uns der Fall war, muss man sein Metier beherrschen, sogar mit geschlossenen Augen, wo es mit dem König der Knoten anfängt, mit dem  Pahlsteek.  Am Bodensee in dem Dreiländereck, hatte man kaum die Segel gesetzt, war schon Land in Sicht, so dass wir schon  wieder anlegen  mussten im nächsten Hafen. Ob wir in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland waren, wir mussten schon wiederholt eine Pause machen. Die Zeit beim Segeln geht intensiv vorbei, auch wiederum – wenn  man auf dem Wasser den Tag verbringt, kann es sich ganz schön in die Länge  ziehen. Man ist ständig mit denselben Menschen an Bord, was eine übermenschliche Disziplin verlangt, was schon beim Militär in der Ausbildung vermittelt wurde. Man hatte  seine künftigen Offiziere  bei der Kieler Woche  zum Segeln ausgebildet, demzufolge ist  sie ins Leben gerufen  worden. Sie  mussten auf engsten Raum ihr Können und Verhalten erlernen. Meine Erfahrung war, man hatte beim Segeln mehr vom Leben. Ich  möchte jedem Mann, wenn er ein Mann ist, was ja heute so spärlich geworden ist, weil sie alle Diplomat sein wollen, die  Schisser, man sollte ihnen das Segeln  auf die Seele schnüren,  mit den Segeln sich beladen, besser als mit manchen Xanthippen, die sie immer jünger und luxuriöser zu Tag bringen. Sie könnten manches von unseren Nachfahren den Wikingern lernen, die sich in ganz Europa kund gemacht haben. Donner und Wetter, was bei manchen von uns noch in den Genen steckt, sie aber es  nicht festgestellt - auch nicht  in der Lage  sind. So mancher wird mir darauf antworten, es kostet zu viel Geld. Wenn ich darauf antworten sollte, - es ist nicht billig.

Ich habe mal in einer Seglerzeitung gelesen, wie teuer Segeln ist. Stelle dich unter eine Dusche, mit eiskaltem Wasser, und zerreise Hundert-Euroscheine. Dann bekommst du das Gefühl und weißt, wie schön Segeln ist.

Man sollte aber die Vorteile berückseitigen, man braucht schon mal kein Quartier, auch der Proviant wird zusammen besorgt. Die Ausrüstung kann man auch immer wieder verwenden. Man hat sie ein Leben lang, sie wird immer wieder erneuert und ausgebessert. Das ist schon mal ein großer Vorteil, bei Urlaubs-Kassen dokumentiert. Dann der nicht zu bezahlende Effekt, dass  allerdings Begeisterung  dazu  gehört. Man kann auch bei einem kleinen Törn herausfinden, ob man dazu geeignet ist. Man sollte dafür geschaffen sein, weil viele seekrank werden. Was mit keiner zu bezahlenden Erfahrung einem geben oder nehmen kann. Wer einmal auf dem Wasser war, den zieht es immer wieder dorthin. Die unendlichen Dimensionen des Meeres, die dominierende Regungslosigkeit auf dem Pazifik, den einmaligen, am Lande nie erreichten Sternenhimmel. Das Auf- und Untergehen der Sonne ist in keinen anderen Sektor gegenwärtig wie auf dem Meer, es ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen, oder zu ersetzen. Trotz oder deswegen, weil ich nach dem Unfall erneut im Jahr darauf abermals   zum Segeln ging. Als meine Bekannten fragten: „Wie kannst du das nach so einen Segelunfall?“ Meine Antwort war darauf: „ Wenn einer einen Autounfall hatte, fährt er auch wieder Auto.“ Wie ich später feststellte, war das die beste Entscheidung für mich. So ein Erlebnis bleibt einem, noch so gesotten, nicht in den Gewändern hängen. Ich hatte es in der Unfallnacht als Bundeswehr-Übung angesehen. Was für mich als einstiger Fallschirmjäger überzeugte, ich später feststellte, dass es  beim Erzählen, in meinem Umfeld, mich immer mehr beschäftigte. Nach den ersten Monaten war es stark gegenwärtig, ich konnte es kaum jemanden mehr erzählen, ohne dass ich bebte. Der vierte Mann im Bunde war der Hartmut, der als Funker, eingesetzt war. Er hatte zuvor noch einen Lehrgang für Funker, zum Hochsee-Segeln in Englisch absolviert, was uns sehr gefeit hat. Er war auch verheiratet, mit Familie. Dann war da noch der Carlo, mit seinen sechzig Lenzen der Älteste in der Runde und Erfahrenste, auch der Coolere, was sich später raus stellte. Bevor der Törn anfing, gab es ein auf Ostfriesisch Wahres ins kleinste Detail, die authentische Vorbereitung für den Segeltörn, das von mir in der damaligen Zeit, was auch meine Unwissenheit offenbarte, als sehr überspitz ansah. Womit ich im Laufe der Zusammenkünfte des besseren belehrt wurde. Das ging schon bei den Kochrezepten für die vierwöchige Reise, für die ich als Smutje am Bord vorgesehen war los. Ich habe das vorher nicht erwähnt, sie haben mich mitgenommen, weil ein Küchendragoner fehlte. Mich hatte der Helmut nach unseren Segel-Verzückungen, angesprochen, weil ich Fleischer auch Hobbykoch bin, damals nicht überlegte und zugesagt habe. Was bis in der heutigen Zeit, von fast fünfundzwanzig Jahren danach, keinen Moment bereuen oder missen möchte. Damit hatte schon der Eigner Recht, die Erfahrung kann nicht jeder Segler diskutieren. Man kann erst mitreden als Betroffener, der teilgenommen hat so wie bei einer Scheidung auch. Ich wollte noch bemerken, dass man ein Schiff nie mit Straßenschuhe betreten darf, das ist Grundsatz, sowie man auf dem Schiff nur mit „Du“ angesprochen wird. Da habe ich gelernt dass ein „Du“, fröstelnder sein kann als ein „Sie“. Wo bei manchen die Nordische Kälte hervor kam. Wo so mancher als Mann von ihnen? Nichts vorstellte, und als Mensch ein Fehltritt war. Die Vorbereitungsphase, die nach den Weihnachtstagen begann, war das schwierigste Unterfangen an der ganzen Seglerei. Ich weiß ja vom Fallschirmspringen, dass die Ausbildung immer das Schwierigere an der ganzen Sache ist. So war es auch mit der Segel-Vorarbeitung. Man hatte immer auf den Augenblick hin gearbeitet, bis es losgeht.

Der Helmut, auch ich, mussten über siebenhundert Kilometer hoch nach 2950 Leer an die Nordsee fahren, was immer an den Wochenenden dazukam. Wir konnten aber immer beim Hartmut in 2941 Schortens gastieren. Wir machten dann nach Willhelmshafen an den Deich schöne Touren, wir hatten immer kolossales Glück mit dem Wetter. Ich hatte in der Zeit Einblick bei den Familien in Ostfriesland, die gegen über den Süddeutschen eine spärliche Speisekarte aufweisen. Dass beim Frühstück Tee getrunken wird, kam mir gelegen. Den Geschmack in so einer Atmosphäre zu genießen verbindet ungemein. Wo doch die Sahne, der Kandiszucker - des Klunkers ein Eden, für einen Weltenlenker ist. Die Atmosphäre war ein Teil von mir, ich merkte dass mir das alles liege. Es war alles eine neue Welt für mich, die ich auf meine Weise genossen habe. Der Kapitän hatte eine Testfahrt, sowie Arbeitseinsatz   auf ein Wochenende festgelegt, vom Emskanal nach Holland hoch nach Delft, wo die schönen Fliesen herkommen. Da ist noch ein Mann, der Kompasse einstellt, man sagte mir dass er sich nach einer gewissen Zeit von selber verstellt. Das dem Wolfgang gut passte, er konnte die Crew auf Herz und Nieren prüfen. Was mir auch recht war, man spekulierte ja nicht übereinander. Vielleicht hörten dann fragende Blicke auf, „packt der das“, oder hatte er sich übernommen, und pokert uns hier nur was vor. Es kam der angekündigte Tag, wo ich wieder mal mit dem Helmut hochfuhr, ins Segler-Paradies. Nun konnte ich endlich demonstrieren, dass ich standhalte. Es war noch Winter und da oben in Holland bitterkalt. Wir mussten in kalten Jahreszeiten, Winter - Ausstaffierung segeln. Als der Helmut und ich ankamen, hatten sie schon die Jacht, die Cibata, komplett gebunkert und zur Fahrt vorbereitet. Wo hier die Sabine  nicht dabei war, sie konnte nicht, es war auch nicht erforderlich, sie war ja segelerfahren. Was ich noch anführen  möchte und  hier ankündigen will, ich war der Einzige, von allen ohne Segelschein. Das ungefähr gleich kommt, wenn  ich ein Auto ohne Führerschein fahre. Es ist nicht ganz so schlimm, weil wir  noch über fünf Chauffeure mit A- und  B- auch C-Scheinen verfügten. Es ist bei so einer Fahrt wichtig, dass der Kapitän in Besitz  aller Segelscheine ist, und die hatte der Wolfgang. Integrieren von  einem Debütanten  kann jeder verkraften, bei  einer gut besetzten Crew. Es ist auch für die Versicherung wichtig, dass die Papiere angemessen sind. Man müsste bei so einem Törn noch manches mehr bedenken, das nach so viel Gehabe fehlschlug. Ich habe mich natürlich von meinem  förderlichsten Profil  gezeigt, als wir an Bord gingen und uns die Frauen von der zurückbleibenden Crew alles Gute wünschten. Sie hatten uns mit Wedeln und innigen Blicken alles Segenbringende  gewünscht. Ich kam mir vor wie zu jener Zeit, als die Seeleute von ihren Familien sich  verabschiedeten, mit etwas Wehmut und Stolz bei so einem  Ereignis  dabei sein zu dürfen. Ich hatte bis dato noch die Aufgabe als Smutje, das war  anfangs  so  geplant. Da war ja noch nicht die Lebensgefährtin, was wir noch nicht wussten, an Bord, die ja nicht mitkonnte  bei der Testfahrt. Also  kam  für mich das Kochen  für die Mannschaft an erster Stelle bei der Testfahrt. Gefrühstückt hatten wir noch zu Hause, dieses Mal beim Wolfgang, wo ich seine Frau etwas besser kennerlernte, als gute Bekannte. Ich hatte als zweiten Imbiss eine heiße Terrine aus Rinderkraftbrühe mit Einlagen auf dem Speiseplan, was  bei der Kälte gut angenommen wurde. Zu Mittag habe ich Geräuchertes Kassler mit Kartoffelpüree und einer braunen Soße, zum  schnabulieren  frisches Baguette gereicht. Als Dessert servierte ich Birne-Hélene-Souffle, von Nestle  aus dem Regal, das allen sehr gut schmeckte. Ich hatte auch als Mitsegler eine wohltuende  Erscheinung  ans Tageslicht beigetragen. Ich habe mich bemüht, alles richtig zu machen, was auch klappte. Als wir abends  wieder zu Hause waren, habe ich in den Augen von Wolfgang,  ohne das er ein Wort verloren hatte, erkannt, dass er mich anerkannte.  Dass  ich in die Crew aufgenommen bin, somit  ich  den Segeltest  bestanden habe. Was auch der Helmut, beim Nachhausefahren bestätigt hat. Es drehte sich alles nur noch um die Abfahrt, ich konnte in diesen Zeitraum gut Urlaub machen, was den Herren von meiner Firma Recht war. Es war ja nicht in den Ferien, da die meisten Kinder hatten, und sie  mit ihnen Urlaub  machen  wollten.   Es kam endlich der  große Termin, als wir  am Samstag den 15.05.82 starten sollten, voraussichtlich  morgens um 5 Uhr. Für den Helmut und mich, war der Zeitpunkt schon am Donnerstag um 4 Uhr, dass wir abends dann ankamen. Am Freitag kam die restliche Crew, weil wir noch einkaufen mussten.  Ich will hier ein Teil von der  Einteilung des Kapitäns einfügen, wie so etwas zustande  kommt, als auch  geplant  wird. Man kann sich dann  ein besseres Bild machen. Die Speisepläne, die ich anfertigen musste, schickte ich ihm immer hoch,  so dass er sie kontrollieren konnte. Das ungefähr viermal. Mir kam es so vor, als ob er nur ans Essen dachte. Er war schon ein Spastiker und Mauskopf  dazu.
Allgemein:  Mastsetzen, Schiff innen reinigen, Schiff    einräumen.
CARLO:  Komplettes  Rigg, Spieren lackieren, Schiffsname, Tauwerk, Blöcke, Segel, Backkisten, Reserveteile dafür.
HARTMUT: Seekarten und Handbücher bis 28.4. bestellen und sortieren. Nautisches Material einräumen nautisches Hilfsmittel, Echolot, Speedo, Funkpeiler, Sprechfunkgeräte, Signalmittel.
HELMUT: Maschine durchsehen, Ölwechsel, neue Batterien  einbauen, alle elektr. Anschlüsse überprüfen, Werkzeugkiste, alle Reserveteile außer Rigg (Carlo-), Pumpen, Schotwind und Ankerwinde.
MANFRED: Kombüse reinigen, Proviant stauen, Kombüsengeräte ergänzen, falls  notwendig; Gasleitung prüfen, Stauplan.
SABINE: Siehe Manfred, Apotheke, laufendes Gut farbig markieren.
WOLFGANG:      z.B.V.

Und am Sonntag hat noch der Eigner Hans Fischer das Schiff auf einer Regatta gesegelt, was uns der Wolfgang in einem Schreiben mitteilte. Das war seine letzte Fahrt in stillem Gewässer, was ja bei so einer angeblichen Finanz - Potenz genügsam zu verkraften sein wird.  Dann war es so weit, es  war um 5 Uhr AM.  samstags am 15.05.1982 , das war  der Tag der großen Fahrt, die   von Leer nach Emden an Borkum vorbei,  den Ostfriesischen Inseln  in  den Kanal in Richtung Dover, durch die Biskaya, zum  Cap Finistee La Coruna, nach Vigo über Lissabon, durch die Strasse von Gibraltar , die Spanische Küste entlang bis Südfrankreich nach Port Crimout ins Paradies der Auswanderer gehen sollte. Aber der Törn stand unter keinem guten Stern. Wir liefen durch eine übereiferte Missgestik des Kapitäns auf einer Sandbank auf. Nach ca. kaum 10 Seemeilen  schon am Vormittag ging nichts mehr. Die Jachtgenossen haben sich im Schlick verrannt. Nun waren wir der ostfriesischen Bevölkerung zum Hohn und Spott ausgeliefert.  Durch die gute Vorbereitung, die  sie hier alle machten, wussten sie  die Trommeln großartig zu rühren. Da unterscheidet sich  norddeutsch von der übrigen Herde des Volkes durchaus nicht. Das wird zum großen Erstaunen   noch  inniger genutzt wird  als vom Rest der Republik. Es liegt an den dünnbewohnten und flächigen  Ländereien.  Wir mussten die nächste Tide   (   Ebbe und Flut)  abwarten, um uns zu befreien, was über zwölf Stunden dauerte. Für mich war das eine repräsentative Parade. Die von Gott beflügelten Segelakrobaten hatten sich in ihrem eigenen Segelgebiet ein Anfängerzeugnis ausgehändigt, von dem niedrigsten Stand, das spottete jeder Beschreibung. Von da an sollte  ich nicht mehr der Moses sein, mein Brustkasten war noch nie so potenziert, von Anteilnahme und Verständnis gegenüber anderen Lebewesen. So haben wir den ersten Tag mit einem Debakel gestartet. Es war ein komisches Verhalten auf dem aufgelaufenem Schiff, es stand fast über zwölf Stunden im Trocknen mit Schlagseite. Das machte die Bewegungsweise sehr langwierig. Man hatte die ganze  Zeit  Sinnesempfindung als  wäre man berauscht. Auch das ging vorüber. Als zu später Stunde das Wasser unsere Jacht wieder in fahrende Strömung brachte, waren wir alle erleichtert, und konnte unseren Törn weiter fortsetzen. Wir hatten zu dieser  Zeit kaum Wind,    so lies Wolfgang anordnen unter Motor zu fahren,  was unser Gleichgewicht wieder stabilisierte durch die Schieflage  der letzten  Zeit. Ich hatte schon durch die Testfahrt ein gutes Gefühl für die Cibata bekommen. Durch die Segelerfahrung mit moderneren Jachten am Bodensee lag  mir die Cibata zum Vergleich gut in der Hand. Wie ein  Oldtimer von einem alten Auto, wenn  ich das so beschreiben sollte, es war ein Leckerbissen für jeden  Segler. Mit so einer Jacht ist das erst ein bewegendes sich Erinnern. Ich war also rundum mit mir im Lot, was auch bei so einer Reise wichtig ist.  So verstrich auch der zweite Tag mit der Nacht. Wir segelten  rund um die Uhr. Bei sechs  Personen ist das angebracht, von 24 Stunden mussten alle von der Crew  je 4 Stunden das Boot übernehmen. So hatte bei sechs Leuten jeder gut Zeit für sich. Je nach Zeit und Lage war keiner allein am Ruder, es war immer einer  oder drei die nicht Schlafen konnten, und dem Bootsführer Gesellschaft  leisteten. Es wurde auch der Kurs neu bestimmt und angekündigt. So bestimmten Hartmut und Wolfgang am meisten, natürlich  mit  Carlo. Sie stellten auch den harten Kern der Crew. Wir fuhren ohne Segel mit dem Motor die ganze Nacht im Kanal, der  als meist   befahrenste Schifffahrtstrasse der Welt gilt. Es ist schon ein erhabendes Gefühl, wenn die riesigen Böte  aus der anderen Welt, so eine Nussschale nicht  erkennen. Und du dahin dümpelst mit so  einem  minimalen Gefährt, wo  sogar das Wasser nicht mehr Wasser, sondern abgelassenes Dieselöl, von den Rabauken in den Kanal gelassen wird.  Wir zündeten uns nicht mal mehr eine Zigarette an, wegen der Explosionsgefahr. Mit Bangen  hofften wir auf das Tageslicht.  Als dann am dritten Tag die Klarheit am Horizont hochkam, lag in majestätischem Schliff der Kreidefelsen von Dover vor uns. Dies liest alles, was uns widerfuhr verzeihen, denn wir hatten die Küste von England erreicht. Wir haben  festgestellt, dass unser Diesel zu Ende geht, was ja vor der Küste kein Beinbruch war. So liefen wir den Hafen von Dover  an, wo auch die Hoover-Fähre  beheimatet ist. Das erste was uns begrüßte war der Zoll, der  mit  sehr freundlicher, englischer Art uns kontrollierte. Wir sind besonders begutachtet worden, weil wir auf dem Wasserweg kamen. Als wir Diesel und Frischwasser gebunkert hatten, konnten  sich die Herren  bei ihren Angehörigen melden. Wir hatten einen schönen Tag am Festland, wo ein Badeort  war, als auch die Innenstadt  angesehen. In der Innenstadt war ein  Richtungszeiger „40 Meilen bis London“. Wir alle bemerkten, dass wir schon ein Stück geschafft haben. Am späten Nachmittag liefen wir von Dover in den Kanal in Richtung Biskaya, wo wir an den englischen und französischen Inseln vorbeischipperten. Wir haben auch alle die Boje angefasst, die unsere Zeitzone bestimmt: „Greenwich time. Wir hatten bis dato immer noch Flaute, was die Gemüter an Bord nicht besserte. Ich wurde irgendwann von Wolfgang gefragt, ob ich nicht lieber segeln würde als kochen, was mir in den Kram passte. Er erhoffte sich dass Sabine kocht, die den Smutje  vorspielte. Der Grund aber war,  dass sie,  nicht  von sich lassen konnten, was mich als Mann stutzig machte, bei der Zusammenstellung. Es war ja nicht mein Livree, das ich mir anziehen musste. Was ich mir schon gar nicht mehr erhoffte, nun gab es Wind in rauen Mengen.  Es war vollbracht, endlich  kamen wir zum Segeln, was sich bei meinem Tun als Segler, und nicht mehr Smutje, abenteuerlich angebahnt hat. Ich war in meinem Grundelement, mein heißbegehrter Platz war der  Bug, an erster Stelle mit dem Wind, konnte ich mir die Fahrt herrlich  einrichten.  Bis in der vorigen Nacht ging alles gut, als wir von nicht geringer Nebelwand aufgehalten wurden. Dies entzückte auch unsere  Nordmänner nicht. Ich musste das Nebelhorn, nonstop am Bug blasen, in geringem Abstand, mussten wir uns bemerkbar machen. Du bist von Ursprung aller Dinge  sitzen lassen worden  auf weiter Flur, wenn du so eine dicke Suppe vor dir hast. Als ich noch auf das Echolot sah, und ich feststellte, dass wir in einer Tiefe von viertausend Fuß uns befanden, schickte ich meine Gedanken in  andere Reviere. Es ist aber die Liebe zum Detail, dass man das alles einfach hinnimmt, worauf ich Hartmut darauf ansprach. Der antwortete nur in seinem Platt darauf: „Jetzt  weißt  du, wo wir sind.“  Was ich  feststellte war, dass ich den Bremer Dialekt  vorgab, seit ich im hohen Norden gestrandet bin. Dieser wurde auch in meinem Elternhaus von meinem Vater Seite  gesprochen. Ich hatte auch mal mit Bremer in der BASF in Ludwigshafen  zusammengearbeitet, was mich beeinflusste. Dies fiel  auch Helmut  auf, und die anderen machten keine  Bemerkungen mehr über meine fränkische  Ausdrucksweise. So wurde ich allmählich als Segler in die Crew eingefügt. Als wir die Nebelwand,  die etliche Zeiträume  anregend wirkte, hinter uns liesen, bekamen wir  ein Traumwetter  zum Segeln. Wir hatten alle Register gezogen, was man mit unseren Möglichkeiten alles einsetzen konnte. Wir hatten  den Spinacker, der im Englischen Buster heißt,  gesetzt und haben, das  Schiff in die  Gerade gesegelt, dass es eine Freude  für alle war. Wir hatten auch vorm Bug lustige Gesellen, die uns begleiteten, die etwas kleineren Delphine, die man Tümmler nennt. Sie spielten mit uns, es war eine Abwechslung und Freude, dass wir nicht allein waren. Eines Morgens,  als ich aus der Koje kroch, lag ein Fliegender Fisch auf den Blanken. Ich nahm ihn aus, gab Salz, Pfeffer und Butter hinzu und legte ihn in die heiße Pfanne. Es war ein köstliches Frühstück um diese Uhrzeit in Gottes freier Natur. Von da an legten wir schon mal die Angel aus. Es könnte ja die Speisekarte bereichern bei so einer Auslese. Wir waren gut in Fahrt, da passierte es. Bei Windstärke 4-5 unter Segel war der Horizont nicht mehr wahrnehmbar. Ich wurde seekrank, ich bin versackt. Ich lag zu meinem Bedauern einen Tag unter Deck. Was ich zu meiner Verwunderung feststellen muss, sie hatten alle Verständnis für meine Lage.  Sie trösteten mich und sagten: „Lieber jetzt als bei schwerem Wetter, bei Sturmstärke 12 oder mehr ist es schlimmer.“ Ich habe mich aber zu keiner Zeit entleert.

Eine Wohltat ist es, wenn man den Kranken an den Fesseln bei den Füßen anpackt, das beruhigt ungemein und hilft.

Wo ich dann in Fahrt und gut  bei Grundlage  war, ich  der Mannschaft zu Hilfe beistand. Der Wolfgang, hatte seinen Kommandostand in die Kombüse  verlegt. Mir kam es vor, als ob er  Segeln zu keiner Zeit verkraftete. Er war immer „malad“, was noch dazu kam, er hat den „Obermacker“, weit über das Durchschnittliche raushängen lassen. Er wollte der Ricke anscheinend sein Machtgehabe als Kapaun präsentieren. Was anlässlich der übrigen Crew  ein  Schmunzeln abverlangte,  als  auch hämisch  auffiel. Am schönsten war es nachts, wenn man allein am Ruder der Herr von Schiff und Meer ist, in Gedanken versinkt.  Es  ist mit  nichts  auf der großen Welt zu vergleichen. Wenn dann noch der Smutje mit einem heißen Getränk dir die Lebensgeister zurückholt, ist der Spruch nicht von ungefähr,  dass der  „Koch der Kapitän“ ist.  Da zeigt einem die Urkraft die Kümmerlichkeit des Menschengeschlechts, wenn man nur Salzwasser sieht und keinen Strand. Wo sich die Erdenwürmer, so erhaben präsentieren  wollen, wo doch alles nur leihweise ist auf diesem Himmelskörper.  Wir konnten auch wenn wir nachts fuhren an der Küste  Lichter und Leuchttürme mit ihren Blinkzeichen ausmachen.  So  wussten wir  immer wo wir waren.  Jeder Turm hat seine eigene  Blink-Information. Das ist für die Schifffahrt   lebenswichtig. Es kam so langsam Teamwork in die Crew, es lief alles am Schnürchen, wenn  ich das so bemerken darf, was beim Segeln nicht so die richtige Amtssprache ist. Wir hatten Cherbourg  und Chanel - Islands hinter  uns  gelassen und kamen in den Golf of Biscay, oder - de Gascogne.  Es sind die Tage verstrichen, mit einträchtiger Harmonie und gutem Gehsegel. Wir hatten wieder das ganze Segelprogramm drauf, in diesen Gewässern ist es für  jeden Gentleman des Wassers der mitmacht  einen Leckerbissen.  Wir hatten herrliche Tage und konnten uns richtig austoben in offenen Gewässern. Wir waren schon über  eine  Woche auf Tour, als wir beschlossen haben uns in La Coruna  bei dem Cap de Finisterre, wo das Land zu Ende ist, in den Hafen zu fahren. Wir wollten uns „runderneuern“. Alle waren einverstanden.

Doch es wartete das nächste Debakel. Die Disponenten haben nicht in fremdländischen Gewässern mit einer  Ebbe und Flut  spekuliert, sie haben für die Jacht beim  Festmachen nicht den nötigen  Spielraum eingeplant.  Sie hatten auch vergessen einen als Wache zu platzieren. Als nach einigen Stunden Rückkehr das Schiff am Kay hing wie ein Toter Vogel, waren sie wieder den Leuten, aber jetzt in Spanisch, einem erneuten Gelächter ausgeliefert. Wir haben noch Glück gehabt,  als wir dann das Schiff an den Tauen, so peu  à peu,  in  die richtige Wassertiefe ließen. Es waren so circa 5 Meter Höhenunterschied, was nicht ungefährlich war. Das sollte allerdings nicht bei soviel Segelerfahrung vorkommen. Ich habe hier das erste Mal Langoustine  gegessen, was ein Gedicht war. Im Hafen konnten wir uns duschen, wieder landfein auf Vordermann bringen.   Auch hier hat sich der Disponent empört, sie haben uns Nussknacker zum Aufbrechen der Scheren gereicht. Nach dem Erscheinungs-Bild, das er ans Tageslicht brachte, ist er in bedauerlichen Verhältnissen herangewachsen. Da ihm das Leben zu wenig gab, wollte er jetzt  mit aller Gewalt alles  nachholen, was bei ihm anscheinend  nicht funktionierte. Wir hatten auch eine Besichtigung  von der alten Hafenstadt vorbereitet, die glanzvoll  war. Da habe ich das erste Mal nach so ausgedehnter Zeit auf dem Wasser, als wir dann  von Bord gingen, den sogenannten Seemannsgang wahrgenommen.  Gut gelaunt und alles im Griff, bei einem gut für uns meinenden  Wettergott, sind wir erneut  aus dem Hafen von La Coruna in Richtung Lissabon  auf Kurs gegangen. Da ich ja alles im Leben als eventuell lehrreich, sowie positiv empfinde, auch in meiner eigenen Welt lebe, was ich so gelernt habe. Wir protokollierten in das Bordbuch, das jeden Tag vom Kapitän aufgeschrieben  wurde:   „25. Mai 1982, neuer Kurs wurde festgelegt und gefahren, wir hatten bis Mittag guten Wind zum Segeln.“

Wir beanspruchten  das   einträchtige Seglerparadies, das für  uns eigen war, so schien mir es. Wo hier schon der Kapitän von einem zu schnellen Fall des Hochdruckmessers   berichtete. Sie müssen  es nicht so richtig wahrgenommen haben. So kamen wir gut an unser Ziel ran, bis abends mussten wir die Segel alle raffen, außerdem  fuhren wir nur mit dem Sturmsegel, das sich bei aufkommender  Brise bot.  Sich hinzulegen war kaum möglich, der Bug schoss von oben nach unten, circa 4 bis 5 Meter in die Fluten, was gerade die Seefahrt erst zum Tragen brachte. Wenn sich dann einer hinlegte ist er von Müdigkeit eingeschlafen. Wo mir dann  wieder der Spruch,  eingefallen ist „Segeln ist schön...“. Durch das Rundumsegeln von 24 Stunden, ist es zu ungesicherten  Verhalten der Personen  gekommen. Wir hatten noch am Morgen Lissabon am Ufer bewundert und bestaunt,  das nur so vor Pracht  strotzte. Bei aufkommendem schwerem Wetter fiel mir eine gewisse Hektik der Crew auf. Carlo machte sich an den Backskisteen zu schaffen. Dass alles gut verstaut war, war für ihn wichtig. Es wurden alle Segel gerafft und verstaut, bis auf das Sturmsegel.  Der Kapitän  bemühte sich  am Heck  Taue auszulegen, weil er sich erhoffte, dass die Wellen sich bersten und damit nicht mehr so umfangreich  herankommen, was mich bis dato, nicht kümmerte. Man hat schon erkennen können, dass es später Nachmittag war. Auch das Wetter war für die Region  erträglich, sogar  üblich, es war  etwas rauer  zwischen Madeira und der Küste Spaniens. Das war bekannt unter Seeleuten, sowie Einheimischen.

Als  aus wolkenlosem  Jenseits  von Achtern eine  nicht mindere Welle in die Kombüse einbrach, bis zum Bug alles rausriss, beschädigte und über Bord schleuderte, duckten wir uns alle vor Schrecken. Von da an kam Aktivität  hoch, der Kapitän übernahm  das Ruder das zuerst Helmut innehatte. Durch den gewaltigen Ruck  hatte sich Helmut am Steuer, das zur Hälfte  kaputt  ging, an der Schläfe verletzt. Es sah im Moment schlimmer aus, als es war. Die Cibata stand bis zur Gurgel im Salzwasser, nach Anordnung von Wolfgang sollte ich mich an die Lenzpumpen begeben und das Wasser rauspumpen, was tadellos  klappte. Der Funker ging unter Deck mit Carlo, sie diskutierten miteinander, ob man  Mayday  funken sollte, denn die Jacht hatte Schlagseite und stand unter Wasser. Sie sagten, man könne sie nicht mehr segeln. Wobei sie sich nach reiflicher Überlegung alle einig waren. Da hatten sich Hartmuts neuerworbene Kenntnisse bezahlt gemacht. Er funkte ständig May-Day, aber man antwortete ihm nicht. Mir hatte Wolfgang die Signal-Pistole in die Hand gedrückt, mit den roten Raketen sollten wir uns bemerkbar machen. Mit gemischten Gefühlen ausgeführt, trugen aber keine Früchte. Mittlerweile hat sich der Wellengang auf sechs bis zehn Meter empor geschaukelt,  so dass wir einmal  auf dem Grad, dann wieder in der Senke verschwanden. Es war also recht schwierig uns ausfindig zu machen, wen ich ehrlich bin, es war unmöglich uns im offenen Atlantik warzunehmen.

Ich merkte, dass  alle  ein  geistiges Bedürfnis verspürten, die Biedermänner und  Nordmänner, sie wurden so still. Meine Gedanken waren bei meinen Kindern, das waren meine ersten Sorgen in diesem Moment. Dann wollte ich auch beten, dann stieg in mir ein gewisser Groll hoch. Habe gegen den Himmel  mit einem zornigen Erwachen mich an unseren Herrgott zugewandt, und  schwor, jetzt kannst du beweisen, ob es was genützt hat mit meiner innigen  Beterei. Potzblitz - es hatte was genützt, wie mir hinterher einfiel.  So verstrichen die Stunden in dem Desaster.  Wo auch immer die Angst da war, wegen den Batterien, die im Wasser standen, wenn der  Strom ausgefallen wäre, hätten  wir uns nicht mehr bemerkbar machen können. Die roten Raketen habe ich in diesen Stunden auch alle verschossen. Dann habe ich vor lauter Zorn die Pistole im Atlantik versenkt, so dass mich der Wolfgang merkwürdig  anschaute, sie hätte uns ja nichts mehr genützt.  Es war ein Kampf der sich Stunden hinzog, wir konnten nur versuchen uns über Wasser zu halten, dabei  nicht zu ertrinken.  Nach langem Hoffen, kam endlich eine gute Nachricht, der Funker hatte drei  Nationalitäten von Schiffen an der Strippe. Einen Portugiesen, einen Deutschen, und einen Kanadier, der  sich als reines Versorgungs-Schiff  zu erkennen gab, er hatte zwei Helikopter an Bord. Für den haben wir uns dann entschieden. Dann ging alles  routinemäßig weiter, als wir den Hubschrauber über uns sahen, merkte man der Besatzung die Erleichterung an. Der Funker hat sich mit dem Piloten gut verständigt. Der Pilot gab dem Funker zu verstehen, dass uns nicht retten wegen der hohen Masten der Jacht. Was bei uns wieder mit Hoffen und Bangen durchdrungen ist. In diesen Moment fiel  mir ein, dass ich bei einer Bergung keine Papiere besitze, aber der  Skipper hatte befohlen die Luke zu schließen. Aber ich nach langem hin und her, setzte mich durch und ging noch mal in das Vorschiff.  Es war ein sonderbarer Moment für mich,  ich dachte dass  ich nicht mehr herankomme, es konnte ja die Jacht mit mir versinken. Da war schon eine  gewisse gesunde Angst vorhanden. Der Weg hat sich bei so einem Anblick von einem Schrott immer mehr in die Länge gezogen, es war alles ein Trümmerhaufen, ein alter modriger Geruch kam mir entgegen. Von der ehemaligen Pracht einer Cibata war keine Rede mehr, bis ich im Bug an meine Koje kam,  da war mein Ausweis  und die Sonenbrille. Als  ich wieder bei zur Luke hochkam, waren sie schon mit den Bergungsarbeiten beschäftigt.  Sie benutzten das Dingi, das unser Beiboot war, mit Helmut als verletztem, Sabine als Frau zu erst im Beiboot. Es stand der Helikopter über  uns, und unsere Retter, die Kanadier, ließen eine Strickleiter mit einem Soldaten in das Dingi fallen. Er gab eine unbeholfene Figur ab. Mein Kommentar dazu war, - „das macht der zum ersten Mal.“ Was sich später auch herausstellte.  Aber in diesem  Moment nahm der Skipper mir meine Äußerung übel. Ich merkte dadurch, dass er den Blick für die Realität verloren hatte. Es war der Situation  nicht mehr Herr, er viel in ein Meer von Gleichgültigkeit, das mir nicht so behagte. Von diesem Zeitpunkt an gab es für mich keinen Skipper mehr, ab sofort war ich wieder der Kavalier in meiner Hose. Es war ja auch kein Schiff mehr da. Ab sofort gab es keinen mehr über mir, ich war wieder das was ich immer war, ein einfacher Ladenmeister  von  Pfannkuch (meine Firma).  Als ich mit dem Carlo dann an der Reihe war, wir so im Dingi bis zu Nabel im Wasser saßen bei 4 Grad, meinte  der Carlo im ostfrießischen Platt, „Es hätten schlimmer kommen können“. Wir zählten dann im Hubschrauber nach, ob alle an Bord waren. Ich bemerkte, dass Hartmut noch fehlte. Ich brüllte den Pilot erregt an, dass wir nicht komplett sind, wo doch der Pilot schon abdrehte. Es war stockdunkel und niemand konnte im Wasser was erkennen, bis nach langem Absuchen des Meeres ein kleines Licht sichtbar wurde. Der Soldat  warf wieder die Strickleiter hinunter, so konnte Hartmut als letzter gefahrlos gerettet  werden. Wie er mir im Nachhinein später  unter Tränen erzählte, als er den Hubschrauber über sich sah, ist ihm eingefallen,  dass er an seiner Lifebelt ein Licht zur besseren Erkennung hatte. Unterdessen hatte er erst gemerkt, dass er in Todesangst schwebte, und ein unverschämtes Glück hatte. Da merkte ich, dass nur einige bei Belastung   Überblick  hatten,  was ich bei den übrigen vermisste. Es war die Tantrum,  sie  war nur für die Versorgung auf hoher See zuständig, zum tanken und was man so braucht, wenn man Monate unterwegs ist. Unter  kanadischer  Flagge barg man uns, über vierhundert Mann Besatzung zählte die Mannschaft.  Es war ein Glücksfall für alle Geretteten. Nach Ankommen auf dem Koloss mit dem Hubschrauber wurden wir erst alle gesäubert und wie bei allen Fremdankömmlingen entlaust. Wir bekamen  alle gestreiften Schlafanzügen, und unsere Kleidung wurde sofort in der hauseigenen Reinigung auf den frischesten Stand gebracht. Zu meiner übriggeblieben Garnitur zählte noch ein dunkelblaues Lacoste-Hemd, eine Kordhose und Unterwäsche, als auch Segelschuhe.     Wir bekamen zu erst mal eine heiße Suppe, dann kam der Versorgungs -Offizier und hatte für uns einen Arm voll Zigarettenpackungen  gebracht. Im Lazarett wurden wir versorgt und einquartiert. Ich fiel sofort in einen Tiefschlaf, wach wurde ich erst, als ich  im nächsten Tag von meinen  Mitschläfern angesprochen wurde.

Wie ich so schnarchen und dabei in einen Tiefschlaf fallen könne  war ihnen schleierhaft.  Der  kanadische Kapitän lies für uns ein Abendessen auffahren, das wir so nicht erwartet hätten. Er hat uns dann gestanden (zum Bedauern vom Wolfgang), dass dies ihre erste Rettung in dieser Art war. Er ließ mir einen nicht zu liebenswerten Blick zukommen. Ich aber habe ihn schon von meiner Warte als Mensch abgeschrieben,  als Monsieur,  sowie   Skipper, was er aber fühlte und merkte. Sie haben uns später bei den Unteroffizieren einquartiert und wir bekamen auch im Casino die Verpflegung, was beim  Militär mit der höchsten Stufe bewertet wird. Der Chef-Cookie  hat mir die Kühlanlagen gezeigt, als ich ihm zu verstehen gab, dass ich Butcher war wie er, ich hatte mich etliche Stunden bei ihm  aufgehalten. Wir konnten uns auf dem Schiff frei bewegen, und wenn wir wohin kamen sagte man hinter vorgehaltener Hand: „Das sind die Schiffsbrüchigen“. Der Kapitän von der Tantrum hat uns das ganze Schiff  präsentiert. Am nächsten Tag nahm er uns mit auf die Brücke, wo uns ein gigantischer Ausblick erwartete. Das ist ein Erlebnis, das man so nicht bekommt, im normalen Leben. Wir haben uns entschlossen, unsere Lebensretter mit ihrer wunderbaren Gastfreundlichkeit nicht mehr weiter zu strapazieren, weil Wolfgang  noch  alle seine Schecks hatte. Zu dieser Zeit war die Master Card noch nicht geläufig. Als ich wieder zu Hause war, erneuerte ich meine Kreditkarte, so hoffte ich nicht wieder von jemanden was zu brauchen. Bis fast über sechzig wurde ich und blieb davon verschont. Das Schiff nahm Kurs auf Cadiz, was ihr nächstes Anlaufziel war, wo sie alles frisch bunkerten, was ihnen fehlte. Einmalig war  vom kanadischen Kapitän das Geschenk an uns, dass er das alles als Übung von seinen Leuten  vermerkte,  und wir nichts begleichen mussten. Das werde ich ein Leben lang dem kanadischen Volk nie vergessen. Da können sich die  sogenannten  Eigner, die Zugezogenen,  ein Vorbild  nehmen.  Sie  müssten heute noch dafür berappen, wenn es die spanische Küstenwache gewesen wäre. Rechnet es euch ein Mal aus, was eine Stunde so ein Hubschrauber  kostet, von der Mannschaft, die uns Kost und Betreuung gab, ganz zu schweigen, vom Treibstoff bei so einen Experiment  ebenfalls. Da musste den Hungerhaken noch die Flasche nachgefüllt werden, in unserem Interesse versteht sich natürlich.   Wir hatten unsere Wiedergeburt am Vorabend mit der kanadischen Besatzung mit Whisky begossen, und auch den Abschied und Dank  für alles, was sie uns an Menschlichkeit wiedergaben. Als  wir in Cadiz einliefen, war eine gewisse Wehmut zu verspüren, die aber spätestens beim Anblick von einem Fünfsterne-Hotel am Atlantik schnell  verflogen war. Wir hatten uns schnell in Zweibett-Zimmer verzogen. Als wir die Lobby im Hotel betraten, ging wieder ein Raunen und Mustern im Flur an uns vorbei,  „das sind die Schiffsbrüchigen“. Wir gingen erst einmal in unsere Zimmer, Helmut und ich waren zusammen, dann Hartmut und Carlo, Wolfgang und Sabine natürlich, die dann keinen Hehl mehr aus ihrer Liebschaft machten. Wir hatten erst einmal den Kühlschrank geplündert. Ich hatte ja keine Badehose, musste mir von Helmut seine leihen, in der ich fast verschwand, der Helmut ist einiges  schwerer als ich. Ich ließ mir die Maiensonne auf den Pelz  brennen. Es war eine wunderschöne Anlage, ich verbrachte in diesen Tagen die meiste Zeit mit den Gedanken an das Erlebte und das Wohlergehen, das uns beschieden worden war. Aber auch dieses hat Mal ein  Ende. Wir machten uns auf und sind mit dem Bus  nach Sevilla gefahren, haben uns dann mit dem Taxi eine Erkundigungsfahrt durch die wunderschöne Stadt geleistet. Erst  jetzt haben wir erfahren, was Arabische Gärten sind. Zu dieser Zeit kam die Fußballweltmeisterschaft nach Spanien, wir hatten uns die  Stadien und die Kathedrale angesehen. Mir kamen die Tränen. Dass man bei so armen Menschen einen erbettelten Bau hinstellt, ist mir nicht in den Kopf gegangen. Durch mein Erscheinungsbild von einmeterfünfundsiebzig, meinen Blonden Haaren, als heller Typ durch die Sonne gebräuntes  Aussehen hatten mich die zu kurz geratenen Andalusier als  Alien oder Gottheit betrachtet, was sogar dem Helmut auffiel. Mir wurde es mit der Zeit überdrüssig, und ich versuchte alle nach Hause einzustimmen, so dass wir den nächsten Flieger nach Frankfurt nahmen. Als wir so im Flugzeug waren, kam Wolfgang zu mir an die freie Seite meines Platzes, und hatte sich bei mir feierlich  für diese Zwangslage  entschuldigt.  Ich fand keine Worte dafür. Ich möchte noch hinzufügen, dass Wolfgang Hans, dem Eigentümer, in Cadiz aus einer Telefonzelle von dem Unglück berichtete. Ich habe wegen Material noch nie eine Kreatur zusammen brechen  und sich so hypochondrisch verhalten und  heulen sehen  wie ihn. Wir wurden dann, der Helmut und ich,  von unseren  Familien am Frankfurter Flughafen abgeholt. Ich ließ das bis dato alles in der hintersten Lade ruhen. Ich kann die Freiheit nur auf dem Meer fühlen, aber die geistige Anarchie, wird durch die Crew manipuliert, außerdem  kann sie verkümmern. Bei  sechs Leuten ist immer für einen der  Negativbewohner existent. Bei engem  Raum und längerem  Zusammensein kann sich das zu einem Debakel entwickeln. Es hat ja im offenen Meer keiner  die Möglichkeit auszusteigen. Wie man oft  schon aus den Medien wahrgenommen hat, es ist im Meer schon mancher geschwommen, vermisst und nicht mehr gefunden worden. Als Einhandsegler, bist du der Crew nicht ausgeliefert, du hast dann aber andere Knacknüsse. Je nach  Kenntnis, der einzelnen  Personen können diese unterschiedlich  ausfallen. Aber die menschliche Selbstbestimmung wird gefestigt, um zu reifen, weil du alles in einem bist,  muss dich nur der Urkraft einstimmen und wiedersetzen. Das benötigt einen ganzen Mann...!

Wie ein Vogel im Wind spüre ich heute den Wind, in  dem Land,  wo mir es gefällt, verbringe ich die  Zeit. Das ist meine Welt. Wenn ich an der Reeling stehe und mein Blick in der Ferne vergeht, ich am Bug zu träumen beginne, schmelz  ich  dahin. Auf dem Boot bin ich so frei wie der Vogel im Wind, was kümmert mich der Alltag, er wird  vergehen durch den Wind. Es ist der Wind, der mir einen neuen Tag wieder bringt. Die Weiten des Meeres geben mir die Kraft für neuen Mut, ein Leben auf dem Meer, als Kapitän das tut gut. Das Befahren von anderen Ozeanen  ist mein  Vorhaben, darum warte ich wieder auf frischen Wind, der meine Zeit bestimmt. Der Wind treibt mein Schiff über den Wogen in  einen anderen Raum zur Südsee hin, in den blauen Lagunen vergeht die Zeit wie im Wind.                                      
Ich betrachte dies als Vergangenheitsbewältigung. In fachkundigen Kreisen würde man mein Wirken als Verdrängung und Verschiebung diagnostizieren, was vielleicht den Punkt  trifft. Nur habe ich es über vierundzwanzig  Jahre gehütet, um die Sache zu realisieren, was bei mir schon sehr früh schlummerte. Als ich  anfing  meinen Vertrieb zu gründen, hatte ich vor mich mit dem Computer zu verschweißen. Als Pensionär gönne ich mir dies jetzt, und kann an das Debakel von damals denken.

Als ich aber schon sechs Bücher geschrieben hatte, suchte ich einen Titel für das Geschehene von Ostfriesland.  Ich hoffe, dass ihr noch alle lebt und auch ein Bild vom damaligen Ereignis vor Augen haltet. Das jämmerlichste  Zeugnis, das ich euch allen zukommen lasse, ist dass sich von euch bis dato keiner  gemeldet oder ein Treffen vereinbart hat. Wo waren da die Cibata-Feste von den Herren Fischern? Für mich war es sehr wichtig, das auf Papier zu bringen, bevor ich in die Kiste steige, mich euch gegenüber noch zu öffnen. Wie man so schön sagt: der Hochmut kommt vor den Fall, so dass ihr vielleicht daraus sachkundig  geworden seit.  Auch der Dümmste kann noch was lernen.

Zu den  formgewandten  Empfehlungen.

 
P.S.  Der Autor hat beschlossen, Fantasienamen zu benutzen.

 

                           

 

 

     

 


 

Maurice Niczery

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